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Heute wie damals ist es die Masse, die den Lauf der Geschichte lenkt…

Heute wie damals ist es die Masse, die den Lauf der Geschichte lenkt…

… bestehend aus Individuen, die sich entscheiden können. Entscheiden, ob sie auf eine erneute Tragödie zusteuern wollen oder sich auf die von Jesus vorgelebte Rückbesinnung zu Werten wie Demut, Barmherzigkeit und Nächstenliebe einlassen. Bach zeigt uns mit seiner Musik, dass wir selbst es sind, die inmitten dieser Kräfte stehen. So endet der von Torsten Behle verfasste Text im Programmheft … und macht klar wie aktuell die Musik, die Passionsgeschichte und der Text der Matthäuspassion ist und bleibt.

Elzbieta Rydz schreibt dazu für Klassik begeistert:

Dieser Abend verheißt Großes: Nicht nur weil die Solopartien mit hochkarätigen Sängern besetzt sind und das herausragende Elbipolis Barockorchester Hamburg spielt, sondern auch weil der Vorstand des Symphonischen Chores Hamburg über 300 Karten an ukrainische Flüchtlinge und deren Wegbegleiter vom Arbeiter-Samariter-Bund gespendet hat.

Professor Matthias Janz dirigiert den groß angelegten Eingangschor als Meer von Klagen ruhig und fließend, immer während und strömend vom Anfang bis zum Ende. Ein flutender Klagegesang des Chores vom Sicilianorythmus der Orchesterbässe begleitet leitet die dramatische Handlung ein. Akribisch punktgenau in den Einsätzen der einzelnen Stimmgruppen im Chor I und II, präzise und ausdauernd die Soprani in ripieno im „Knabenchor“.

Beeindruckend die anhaltende  Konzentration und Wachsamkeit, die der Chor durch die Gesamtlänge der Aufführung beibehält: alle schauen nach vorn zum Dirigenten und ich habe den Eindruck, jeder Einzelne vertritt die Gemeinde. Fein ausbalanciert und stimmgewaltig entstehen unwillkürlich plakative  Bilder; ich sitze inmitten der Passionsgeschichte. Über die einzelnen Choräle „Ja nicht auf das Fest“, „Laß ihn kreuzigen“, „Sein Blut komme über uns“ webt sich die lebendige Tragik  und der Schmerz fort, bis die einzelnen Individuen im schonungslos wachrüttelnden brutalen Ruf „Barrabam“ zu einer einheitlichen Masse verschmelzen, die sich auf Anhieb einig ist: Jesus soll sterben.

Trostlosigkeit und Eigendynamik der Angleichung an die Masse füllen den Raum. Kein Wort des Widerspruchs, keine Zivilcourage für den Angeklagten Partei zu ergreifen, ihn schützen zu wollen oder sich schützend vor ihn zu stellen.

Herausragend der Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“:  Langsam im traumhaften pianissimo gesungen, mit ganz nach innen gewandtem Ausdruck. Die Wirkung ist verstärkt durch die  große Pause vorher, nach den Worten „und verschied“. Diese außerordentlich wichtige Pause stammt aus der Liturgie der alten Kirche und bildet an dieser Stelle der Passion die meditative Versenkung in die größte Heiltatsache der Christenheit – hier ist das Publikum sehr diszipliniert und hält die Stille aus.

Die accompagnato komponierten Worte Christi bilden mit den Seccorezitativen des Evangelisten das Herzstück der Passion.

Der Bariton Jonas Müller, der die Christusworte in  würdevoller Haltung und tief verwurzelter Überzeugung, dass das der richtige Weg ist, singt, steht der bevorstehende Leidensweg ins Gesicht geschrieben.  Die Streicher des Elbipolis weben einen Heiligenschein um das Haupt des Erlösers. Ihr natürliches, gleichmäßiges Mitgehen, wenn die Rede Christi sich hebt, erregter wird oder absinkt, braucht nicht viel crescendo und decrescendo um den Worten Ausdruck zu verleihen. Die Worte des Gottmenschen kommen aus der Tiefe der Ewigkeit, voll von Hoheit und Distanz, erfüllt mit der menschlichen Zugänglichkeit  und Wärme des Meisters, der seine Jünger liebt.

Jonas Müller – Georg Poplutz

Bis sich die Angst und Traurigkeit über den nahenden entsetzlichen Tod breitmacht, bis zur Stelle, wo der Heiligenschein verschwunden ist, alles Göttliche sich zurückgezogen hat um im Ausdruck der äußersten menschlichen Verlassenheit zu rufen „Eli, Eli, lama, lama, asabthani“ – Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen? Ein unbeschreiblicher Schmerz durchbohrt in diesem mystisch-meditativen Moment die Zuhörer.

Der Tenor Georg Poplutz ist brillant als Evangelist. Von der Orgel wurde er begleitet von Tobias Janz, dem Sohn von Matthias Janz. Das Cembalo (Michael Fürst) und der Violone kamen jeweils bei den Soliloquenten wie Petrus und Judas hinzu. Auch spielte das Cembalo bei einigen dramatischen Übergängen (etwa bei „sie antworteten und sprachen“) mit um so die Dramatik zu unterstreichen. Als Continuo-Instrument benutzt, variabel und undogmatisch in der Wirkung, verstärkt durch Violoncello und bei bedeutungsvollen Stellen wie „…daß sie ihn kreuzigten“ durch  Kontrabass unterstützt.

Eine überwältigende Erfahrung sind ebenfalls die Arien gesungen von Magdalena Harer, Wiebke Lehmkuhl, Florian Sievers und Yorck Felix Speer: emotional , leidenschaftlich, mit persönlichem Ausdruck und charakterstark vorgetragen, bezeugen sie die Entschlossenheit der Sänger dieses kolossale Werk an die Menschen zu bringen. Die Gangart stimmt, es hilft dem Zuhörer jede einzelne Szene nachzuerleben und zu genießen. Identifikation mit Reue, Empörung Schmerz, Zerknirschung – man lässt sich immer tiefer auf den Fortgang der Geschichte ein. Dennoch bleibt Zeit zum Reflektieren, und vor allem Zeit der Frage nachzugehen: Was passiert, wenn in einem atemraubenden Tempo und spannungsfördernd durch Szenenwechsel und Stühlerücken unter den wichtigsten Figuren die Wahrheit auf Falschheit trifft?

Wiebke Lehmkuhl – Magdalene Harer

Das dahinschmelzende, filigrane „Erbarme dich“ der Altistin Wiebke Lehmkuhl ist unendlich schön und ästhetisch herausragend. Der Bass Yorck Felix Speer gleitet flüssig in „Komm süßes Kreuz“ über die Rafinesse der Bachschen Hemiolen hinweg, artikuliert die Melodie prägnant ohne den Dreierrythmus und die Gesamtlinie der Arie aus den Augen zu verlieren. Florian Sievers singt die Tenor-Arien beeindruckend,  mit weichen Übergängen.

Im letzten Choral, dem Nachspiel „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, verliert man das Empfinden von Zeit, es könnte gut noch länger dauern, gleichmäßig im Tempo, kreisend zurück zum Meer der Ewigkeit.

Die nachtragende Wirkung und Wucht der Matthäus-Passion liegt in dem was nicht ausgesprochen wird und was in der Stille nach dem Verklingen der letzten Note schwebt.

Die SolistInnen von links nach rechts:
Wiebke Lehmkuhl, Jonas Müller, Magdalene Harer, Georg Poplutz, Florian Sievers, Yorck Felix Speer

Der Vorstand des Symphonischen Chores Hamburg, Torsten Behle, schreibt im Programmheft: „Heute wie damals ist es die Masse, die den Lauf der Geschichte lenkt. Bestehend aus Individuen, die sich entscheiden können. Entscheiden, ob sie auf eine erneute Tragödie zusteuern wollen oder sich auf die von Jesus vorgelebte Rückbesinnung zu Werten wie Demut, Barmherzigkeit und Nächstenliebe einlassen. Bach zeigt uns mit seiner Musik, dass wir selbst es sind, die inmitten dieser Kräfte stehen.“

Danke für die Entscheidung, die Einladung an die ukrainischen Gäste und deren Wegbegleiter auszusprechen. Die Dankbarkeit spiegelt sich in den Kommentaren und Eindrücken der beiden ukrainischen Damen und deren Kinder neben uns, die, in der Pause auf Russisch angesprochen, sagen: „Wissen Sie, wir verstehen die Sprache nicht, aber wir hören die Musik und sehen diese Menschen auf der Bühne, sind hier in diesem Saal, und das ist so wunderbar für unser Herz, das ist ein so herzliches Geschenk.“

Mehr Nächstenliebe auf so großartige Weise in einem wunderbaren Rahmen gefunden, braucht es an diesem Abend nicht.

In Bachs Matthäus-Passion, die den Höhepunkt der protestantischen Kirchenkunst bildet, wird die Leidensgeschichte Jesu von Nazareth wie im Evangelium nach Matthäus in seinen Kapiteln 26 EU und 27 EU dargestellt. Sie gehört zur Gattung der instrumental begleiteten oratorischen Passion, die sich in der 2. Hälfte des 17. Jahrhundert ausgebildet und durch die Aufführungen der Brockes-Passion von Georg Philipp Telemann (1681-1767) etabliert hat.

Die monumentalste aller Kompositionen Bachs ist von einem tiefen christlichen Glauben geprägt und wurde zur besonderen Gestaltung des Vespergottesdienstes am Karfreitag 1727 in der Leipziger Thomaskirche komponiert. Oft beschränkte sich die Bildung der damaligen Kirchengänger auf die Bibel und Luthers Katechismus.

Bach behandelt die Texte auf verschiedenen Ebenen. Zuerst wird der unveränderte Wortlaut des Evangelisten-Textes in der Darstellung der objektiven Erzähler-Ebene wiedergegeben und durch kommentierende Zwischentexte erweitert. Die Texte der Choräle repräsentieren als zusätzliche Ebene die zeitgenössische Reaktion auf den erzählten Text des Evangelisten aus Sicht des Volkes (Turba).

Den fünf verschiedenen Orten und Ereignissen des Geschehens sind fünf „Akte“ in der Passion zugeordnet. Diese lassen alle einzelnen Leidensstationen Jesu im dramaturgischen Aufbau in den Vordergrund treten.

Elzbieta Rydz, 10. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bilder: Simon Redel

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