Dynamische Wechselspiele: Johannes-Passion packt die Zuschauer in Hamburg

Hyunsun Park (Sopran), Fiorella Hincapié (Alt), Florian Sievers (Tenor), Markus Schäfer (Tenor), Thomas Laske (Bariton), Sönke Tams Freier (Bass), Flensburger Bach-Ensemble

Eine geschlossene Ensembleleistung und ein herausragender Evangelist bescheren dem Publikum eine packende Johannes-Passion.  

Wenn wir mal von Kirchengebäuden und ihrer Rolle als historische Baudenkmäler und Touristenattraktionen absehen, zeigt sich in der Musik wohl am deutlichsten die säkularisierte Ausgestaltung eines kulturellen Christentums. Und wohl keinem anderen Komponisten kommt dabei eine derart exponierte Rolle zu wie Johann Sebastian Bach. Ursprünglich zur Darbietung im liturgischen Zusammenhang gedacht, unter Beteiligung der Gemeinde, sind seine geistlichen Werke heutzutage zur Aufführung vor Publikum arrangiert. Dennoch gibt es natürlich noch erkennbare Verortungen: Niemand käme auf die Idee, sein Weihnachtsoratorium im August aufzuführen – und ebenso gehören seine beiden großen Passionswerke, die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion, fest zum Repertoire der vorösterlichen Zeit.

Die Herausforderungen sind nicht ohne, allein schon logistisch. Schier endlos dauert der Strom der Chorsängerinnen und -sänger auf die optisch von Minute zu Minute schrumpfende Bühne der Laeiszhalle in Hamburg. Die Musikerinnen und Musiker des Flensburger Bach-Ensembles haben da bereits vor ihnen Platz genommen. Schließlich folgen die sechs Solistinnen und Solisten sowie der musikalische Leiter des Abends, Matthias Janz. Was passiert auf der Bühne? Nun, die meisten werden es wissen: Die Passionsgeschichte Christi nach Johannes wird erzählt, sie wird dramatisch verdichtet und verstärkt und zusätzlich noch kommentiert und für die Gläubigen eingeordnet.

Mag man auch sonst dem lutherischen Protestantismus eher Nüchternheit nachsagen und im Vergleich zum Katholizismus einen gewissen Mangel an Emotion feststellen – die Bachschen Passionen haben nichts von ihrer Wirkungsmacht verloren. Gerade die Turba-Chöre, in denen die Handlung mit mächtiger Chorstimme nicht distanziert kommentiert, sondern aktiv vorangetrieben wird, reißen auch heutige Zuhörer noch mit.

Und da sind wir auch schon mitten in der Frage, wie sich der Symphonische Chor Hamburg dabei an diesem Abend geschlagen hat. Sehr gut hat er das getan! Klugerweise unterlag Matthias Janz nicht der Versuchung, den Chor gleich am Anfang „all in“ gehen zu lassen, die Wucht ist noch gebremst. Man vertraut hier der drohenden, unheilschwangeren Orchesterpartitur und schafft insgesamt einen gelungenen Spannungsaufbau. Sehr gut ist durchgängig die Textverständlichkeit; auch die Abstimmung mit dem Orchester passt.

Im Vergleich zu den Chorälen fällt auf, dass die handlungsprägenden Chöre mit einer besonderen, packenden Dynamik entwickelt sind. Offensichtlich galt diesen in der Vorbereitung besondere Aufmerksamkeit. Die Höhepunkte finden sich am Beginn des zweiten Teils, im Dialog zwischen Pontius Pilatus und dem Volk sowie den Hohepriestern. Fein gestaffelt gelingt hier z. B. der Chor „Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet“ oder auch später der Wechselgesang mit dem Bariton („Eilt, ihr angefochtnen Seelen“). Auch der Choral, der den zweiten Teil eröffnet („Christus, der uns selig macht“), fällt erkennbar lauter und pointierter aus als die übrigen Choräle. Insbesondere die Textzeile „Verlacht, verhöhnt und verspeit“ wurde hier sehr prägnant einstudiert.

Fiorella Hincapié und Hyunsun Park © Symphonischer Chor Hamburg

Hyunsun Park hat einen lieblichen, hellen Sopran-Klang. Mit ihren trillernden Verzierungen bewegt sie sich am oberen Rand dessen, was zu diesem Werk passt, aber zweifelsohne gelingt ihr insbesondere bei ihrer ersten Arie („Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“) ein feines Wechselspiel mit der Solo-Flöte.

Fiorella Hincapiés Alt hat ein zerbrechliches, zartes Timbre, das gut zum Werk passt. …

Florian Sievers bietet als Tenor eine solide Leistung ohne große Auffälligkeiten. …

Die Bariton-Stimme wird von Thomas Laske eher intellektuell angelegt. Auch sein Mienenspiel erinnert bisweilen etwas an Fischer-Dieskau. Er ist seiner Rolle jedenfalls souverän gewachsen und kann voll überzeugen.

Auch Sönke Tams Freier gefällt. Sein Bass ist warm und weich. Gern hätte man noch mehr von ihm gehört, aber größer ist die Rolle nun mal nicht.

Begeisternd gelingt Markus Schäfer der überaus anspruchsvolle Tenor-Part des Evangelisten. Seine klangschöne, lyrische Stimme zieht einen voll in ihren Bann. Darüber hinaus ist die Textverständlichkeit sehr hoch, was gerade in dieser erzählenden Rolle sehr wichtig ist. Schäfers Darbietung trägt das Werk. Und so ist es auch an ihm, nach dem „Und neiget das Haupt und verschied“ eine wirkmächtige Generalpause einzuleiten.


Thomas Laske, Sönke Tams Freier, Florian Sievers, Matthias Janz, Markus Schäfer, Fiorella Hincapié © Symphonischer Chor Hamburg

Die Musiker bieten insgesamt eine gute Ensembleleistung. An keiner Stelle überdecken sie die Stimmen und die meisten Soli geraten ausgezeichnet. Besonders hervorgehoben werden müssen indes Frauke Hess an der Viola da gamba und Andreas Deindörfer am Violoncello mit ihrer zarten, präzisen Melodienführung. Ganz großer Barocksport!

Zuletzt gebührt natürlich Matthias Janz ein besonderes Lob – der Flensburger Träger des Bundesverdienstkreuzes hält alle Fäden in der Hand. Auffällig seine Nähe zu den Solistinnen und Solisten, die er bei ihren Einsätzen eng führt und so wunderbar im Ensemble hält.

Sehr erfreulich auch, wie gut gefüllt die Laeiszhalle an diesem Abend ist und wie konzentriert das Publikum bei der Sache bleibt. Einige jüngere und jüngste Gesichter machen zudem Hoffnung, dass solche Aufführungen auch weiterhin Zuspruch finden werden. Langanhaltender Beifall für eine bemerkenswerte Leistung, die alle Anwesenden beseelt in den Frühlingsabend entlässt.

© Guido Marquardt, 7. April 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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