Erinnerungen an das Verdi Requiem

Das Konzert des Symphonischen Chores Hamburg in Essen im November 1991 wird allen Teilnehmern durch ein besonderes Vorkommnis unvergesslich bleiben.

Es kommt immer einmal vor, dass ein Solist absagt und wenige Stunden vor dem Konzert Ersatz herangeholt werden kann.

Für Verdis Requiem erschien der Tenor nach erfolgreicher Generalprobe am Vortag nicht zum Konzert. Es ist wohl etwas Einmaliges, wenn jemand aus dem Publikum aufsteht, sich auf das Podium stellt und den Part ohne Probe bis zum Ende meistert.

Ein Chormitglied hat nach dem Konzert die Ereignisse in ebenso unvergesslicher Weise aufgeschrieben. Auch für die Laeiszhalle, damals noch Musikhalle Hamburg, war es sicherlich eine Premiere.


Wenn einer eine Reise tut,
möcht’ er auch gern davon berichten;
doch lief die glatt, war alles gut,
kann man auf den Report verzichten,
denn interessant wird solch Bericht
erst, ging mal einiges daneben.
Alltägliches – das fesselt nicht,
das Überraschende bringt Leben!

Zum Beispiel war da ein Konzert
in dem uns schon bekannten Essen.
Wer mit dem Chor dort eingekehrt,
wird es wohl nicht so schnell vergessen.
Und wer nicht mit zugegen war,
lausche gespannt auf den Bericht.
Der Chor singt nun schon hundert Jahr,
doch sowas gab’s noch nicht!

Der Saal ist groß und ausverkauft.
nicht nur zur Freude des Agenten.
Man wartet still, kaum einer schnauft,
hält das Programm fest in den Händen.
Studiert alle Solistennamen
und freut sich auf den großen Chor,
auf alle, die nach Essen kamen;
Erlesenes steht da bevor!

Es wird nun Zeit für den Beginn.
Man schaut zur Uhr mit Ungeduld,
Minuten gehen drüber hin.
Wer ist an dem Versäumnis schuld?
Endlich nimmt alles seinen Lauf
da oben auf dem Podium;
Chor und Orchester bau’n sich auf,
neugierig schaut das Publikum.

Ein Mann tritt an den Bühnenrand –
das muss bestimmt etwas bedeuten.
Ein Sänger? Nein, als Informant
spricht er jetzt zu den vielen Leuten.
Von „Katastrophe“ spricht der Mann.
Was ist denn eigentlich geschehen?
Man schaut den Nachbarn fragend an,
dann spannt man auf das Weitergehen.
„Sollte man das Konzert verschieben?
Es fehlt uns der Tenorsolist.
Kein Mensch weiß, wo er abgeblieben
und was ihm zugestoßen ist.“

Betroffenheit in vielen Mienen!
Das ist auch wirklich sehr fatal.
Der Herr Tenor ist nicht erschienen,
enttäuscht zeigt sich ein voller Saal.

Da hört man jetzt vom Bühnenrand,
man wolle aber trotzdem singen,
weil man im Saal den Glücksfall fand,
der hilfsbereit ist einzuspringen.

Wahrhaftig! Voller Zuversicht
springt vorn ein Mann auf – welch ein Wunder.
Was er mit dem Agenten spricht,
es geht im lauten Beifall unter.

Und nun verliert man keine Zeit,
das Ritual nimmt seinen Lauf.
Der Wundermann ist singbereit
und tritt mit den Solisten auf.

Der Bass befrackt, die Damen beide
in eindrucksvollem Galakleide.
Er steht daneben, schlicht in Grau.
Doch für den Retter in der Not
nimmt man das strenge Frackgebot
in diesem Fall nicht so genau.

Die Menschen warten froh und erregt.
Gelohnt hat sich doch die Geduld.
(Ob auch so froh das Herze schlägt
dem Mann am Dirigentenpult?)
Das alles kam zu schnell ins Rollen,
ob das mit Verdi richtiggeht?
Hätte man besser warten sollen?
Nun, dazu ist es jetzt zu spät!

Der Vorstand jedenfalls ist froh;
für das Konzert ist man komplett,
und auch Herr Verdi wollt’ es so,
schließlich schrieb er für ein Quartett.

Die ersten Takte zeigen klar,
das Wagnis wird bestimmt gelingen,
schon weil der Mann so mutig war,
wird er die Hörergunst erringen!

Allein – noch ist nicht alles glatt,
das Schicksal hat da etwas vor,
denn hinter ihm mit Notenblatt
steht der verspätete Tenor.
Der wartet fragend fragend auf ein Zeichen,
dass jener Mann vor ihm nun geht,
der hat beschlossen, nicht zu weichen.
Das Leben straft den, der zu spät!

Ein Blick des Dirigenten zeigt,
was der ihm jetzt nicht laut kann sagen,
dass er entschieden abgeneigt,
den Wundermann davonzujagen.

Das ist für den Tenor das Aus;
man sieht, wie er die Schultern zuckt,
und unter freundlichem Applaus
strebt er zum Ausgang, gramgeduckt. –

Noch kurz etwas zu dem Konzert:
Es endete mit viel Applaus.
Der Wundermann hat sich bewährt,
ein jeder geht beglückt nach Haus.

Der Mann am Pult ist auch zufrieden,
stets überzeugt von dem Gelingen;
hatte er sich doch schon entschieden,
im Notfall selbst den Part zu singen.
(Er hätt’s geschafft, sicher mit Glanz,
sonst wär’ er doch nicht unser Janz!)

Hier könnte die Geschichte enden,
sie war ergötzlich, amüsant,
nur – lasst es nicht dabei bewenden,
das Fazit liegt doch auf der Hand:

Fehlt da ganz plötzlich ein Solist,
ist das fatal und immer peinlich;
dass ein Ersatz im Saale ist,
dünkt mir ganz sicher unwahrscheinlich.
Was an in Essen könnt erleben,
passiert kaum aller hundert Jahr,
weil das doch wie ein Wunder war!
Es sollte Grund sein nachzudenken!

Wird man nicht dazu angeregt,
das Schicksals lauf etwas zu lenken,
dass es den Zufall mitbewegt?

Beim Kartenkauf fängt das schon an,
wo man doch jeden fragen kann:
„Sind Sie ein schlichter Hörer nur?
Kommen Sie gar mit Partitur?
Für unsern Zweck wär’s schon genug,
kämen Sie mit Klavierauszug.
Gestatten Sie noch eine Frage!
Welches ist Ihre Stimmlage?
Haben Sie Solo schon versucht,
hat ein Agent Sie vorgebracht?
Singen Sie gern, haben Sie Mut?“
Sagt man dann „Ja“, ist alles gut,
und wer ein solches Image hat,
kriegt sofort den Höchstrabatt.

Die Sache mit dem Publikum
spricht sich bestimmt sehr schnell herum:
Beim Janz-Chor muss man pünktlich sein,
dort springt gleich ein Ersatzmann ein;
man hat dort stets im vollen Saal
Sängerersatzpotenzial.

Dem Vorstand müsste das sehr frommen,
die Last der Angst wär ihm genommen,
weil man ja durch Spezialrabatt
Talentersatz im Saale hat.
Natürlich denkt die Choresleitung
auch an entsprechende Bekleidung,
und die den Blusenfond verwalten,
müssten noch ’nen Frack erhalten.
(Den wähle man nur nicht zu klein!
In großen Frack geht jeder rein!)

Das wär’ die Quintessenz von Essen!
Wer sie nicht mag, soll sie vergessen,
auch das, was in der Zeitung steht –
man weiß ja doch, wie das so geht!

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