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Konzerteinführung und Libretti

Konzerteinführung und Libretti

Von Matthias Janz

In den Monaten des absoluten Singe-Verbots für Chöre wurde sehr bald klar, dass die geplanten Aufführungen der Missa solemnis op. 123 von Beethoven am 30./31. Oktober und am 1. November 2020 nicht möglich sein würden. Völlig unvorstellbar ist bei den geltenden Hygiene- und Abstandsregeln nach wie vor die Realisierung eines chorsymphonischen Werkes, bei dem normalerweise bis zu 200 Mitwirkende auf der Bühne sind.

Beim Nachdenken über ein Corona-Alternativprogramm mit kleinerem Orchester und Chor kam ich schnell auf die bekannteste und am häufigsten aufgeführte „Missa solemnis“ (feierliche Messe) – Vertonung: Wolfgang Amadeus Mozarts „Krönungsmesse“ KV 317. Die Orchesterbesetzung ist viel kleiner als bei Beethovens op. 123. So fehlen bei den Holzbläsern die Flöten, Klarinetten, ein 2. Fagott und das Kontrafagott, bei den Streichern die Bratschen. Im Gegensatz zu Beethoven verwendet Mozart nicht vier, sondern nur zwei Hörner. Außerdem kann man diese nur 24 Minuten dauernde Messe mit einem kleinen Chor aufführen.

Wie der Name „Krönungsmesse“ (engl. „Coronation-Mass“) entstand, ist nicht ganz sicher. Mozart könnte die Messe zur Krönung eines Gnadenbildes in der Wallfahrtskirche Maria Plain bei Salzburg im Jahr 1779 komponiert haben. Den populären Namen könnte die Messe aber auch erhalten haben, weil sie im Jahr 1790 bei der Krönung Leopolds II. zum böhmischen König in Prag und zum Kaiser in Frankfurt aufgeführt wurde.

In der Missa solemnis von Beethoven haben die vier Gesangssolisten umfangreich solistische Aufgaben. Zum Ausgleich habe ich für sie anspruchsvolle Arien mit kleiner Orchesterbesetzung ausgesucht: In seinem 250. Geburtsjahr erklingt Ludwig van Beethovens große Gesangsszene „Ah! Perfido“ op. 65 für Sopran und Orchester (Flöte, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner und Streicher). Der Text des Rezitativs ist von dem kaiserlichen Hofdichter Pietro Metastasio (aus seinem Opernlibretto „Achille in Sciro“) und schildert eine dramatische Begebenheit aus der griechischen Mythologie: die von Achilles verlassene Deidamia schwankt zwischen hoffnungslosem Abschiedsschmerz und wütendem Aufbegehren. Beethoven gestaltet aus diesem Widerstreit der Gefühle eine überaus spannende Szene, die durch zahlreiche Tempowechsel, dynamische Kontraste und farbige Instrumentierung gekennzeichnet ist. Die Uraufführung der Gesangsszene erfolgte im November 1796 in Leipzig, den Sopranpart übernahm dabei die bereits mit Mozart befreundete berühmte Sängerin Josepha Duschek. „Ah! Perfido“ op.65 ist die einzige Arienkomposition Beethovens, die sich einen festen Platz im Repertoire der Sopranistinnen sichern konnte.

Ah! perfido, spergiuro,
Barbaro traditor, tu parti?
E con questi gl’ultimi tuoi congedi?

Ove s’intese tirannia più crudel?

Va, scelerato! va, pur fuggi da me,
l’ira de’ Numi non fuggirai!

Se v’è giustizia in Ciel, se v’è pietà,
congiureranno a gara tutti a punirti!

Ombra seguace! presente, ovunque vai,
vedrò le mie vendette;

io già le godo immaginando;
i fulmini ti veggo già balenar d’intorno.

Ah no! ah no! fermate, vindici Dei!
risparmiate quel cor, ferite il mio!
s’ei non è più qual era son’io qual fui,
per lui vivea, voglio morir per lui!



Arie
Per pietà, non dirmi addio,
di te priva che farò?
Tu lo sai, bell’idol mio!
io d’affanno morirò.


Ah crudel! tu vuoi ch’io mora!
tu non hai pietà di me?
perché rendi a chi t’adora
così barbara mercè?


Dite voi, se in tanto affannoNon son degna di pietà?

Treuloser, eidbrüchiger, grausamer Verräter, du gehst fort?
Und sind dies deine letzten Abschiedsworte?
Wo hörte man je von einer grausameren Tyrannei?
Geh, du Ruchloser! Geh, flieh’ vor mir!
Dem Zorn der Götter wirst du nicht entfliehen.
Wenn es im Himmel Gerechtigkeit und Mitleid gibt,
werden sich alle im Wettstreit einen, dich zu strafen.
Als Schatten folge ich dir, wohin du auch gehst,
meine Rache erlebe und genieße ich bereits.
Ich sehe dich schon von Blitzen umflammt.
Ah, nein! Ah, nein! Haltet ein, Götter der Rache.
Verschont sein Herz, verwundet meines.
Wenn er nicht mehr ist, der er war,
so bin ich doch die, die ich war.
Für ihn lebte ich, für ihn will ich sterben.

Arie
Hab Mitleid, sag’ mir nicht Lebwohl.
Was werde ich ohne dich tun?
Du weißt es, mein teurer Geliebter!
Ich werde vor Leid sterben.

Ah, du Grausamer! Du willst, dass ich sterbe?
Hast du kein Mitleid mit mir?
Warum belohnst du die so grausam,
die dich lieben?
Sag’, ob ich in diesem Leid
nicht des Mitleids würdig bin?


Im Gegensatz dazu ist das Terzett „Tremate, empi, tremate“ op. 116 für Sopran, Tenor, Bass und Orchester (2 Flöten, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken und Streicher) sehr selten zu hören. Es entstand in den Jahren 1801–1814. Beethoven wollte als Schüler des Hofkompositeurs Antonio Salieri die italienische Sprache und die Komposition italienischer Opern, die das Musikleben in Wien dominierten, erlernen. Das am 27.2. 1814 in Wien uraufgeführte Terzett ist ein schönes Beispiel für Beethovens meisterhafte Adaption des italienischen Stils. Der Text von Giovanni de Gamerra stammt aus dem Dramma per Musica „Medonte, Re di Epiro“: Medonte, König von Epirus, liebt Selene, Prinzessin von Argos (Tochter des Königs Aglauro von Argos). Sie aber betrügt ihn mit Arsace, dem Prinzen von Dodone und Oberkommandierenden der Truppen von König Medonte. Eine mit Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ vergleichbare Geschichte: König Marke wird von Tristan und Isolde betrogen. Beethoven vertont nur das Terzett im 2. Akt „Zittert, ihr Ruchlosen“ zittert“ (Medonte).

Allegro

(Medonte)
Zittert, ihr Ruchlosen, zittert
vor meinem furchtbaren Zorn.
Auf eure hochmütigen Häupter
wird der Blitz herniederfahren.

(Selene) Oh Gott, erspare ihm dieses Blut!
(Arsace) töte nur mich,
(beide) lass deinen Zorn an mir aus!
(Medonte) Beide sollt ihr Opfer meiner Rache werden!
(Selene und Arsace) Welche grausame Strafe
für eine unschuldige Leidenschaft.

(Medonte) Entfernt sie aus meinen Augen,
diese verabscheuungswürdigen Liebenden!

(Selene) Ah, welche Qual!
(Arsace) Ah, welche Tränen!
(Medonte) Mein Herz ist hart wie Stein!

Adagio

(Selene) Sind es diese süßen Ketten, mein Geliebter,
durch die meine Liebe mich band?
(Arsace) Ist dies das teure Band, meine Angebetete,
das uns die Liebe beschert? Oh Gott!
(Medonte) Und ist dies die Treue, ihr feindlichen Götter,
in der ich ihre Liebe zu finden hoffte?

Allegro molto

(alle drei) Tyrannische Sterne,
nun habe ich eure Grausamkeit
lange genug erduldet.

(Medonte) Entfernt sie aus meinen Augen,
diese verabscheuungswürdigen Liebenden!
(Selene) Ah, welche Qual!
(Arsace) Ah, welche Tränen!
(Medonte) Mein Herz ist hart wie Stein!
(alle drei) Tyrannische Sterne,
nun habe ich eure Grausamkeit
lange genug erduldet.


Vor der „Krönungsmesse“ erklingt eine der schönsten Opern-Arien Wolfgang Amadeus Mozarts. Der Text der Oper „La clemenza di Tito“ KV 621 (Uraufführung am 6. September 1791) ist auch von Pietro Metastasio. In der Arie „parto, parto, ma tu ben mio“ bekennt Sesto seine bedingungslose Liebe zur Prinzessin Vitellia. Die Orchesterbesetzung der Arie ist besonders: dem Mezzosopran gesellt sich als Soloinstrument eine Bassett-Klarinette hinzu. 2 Oboen, 2 Fagotte, 2 Hörner und Streicher begleiten. Eigentlich für den Kastraten Domenico Bedini komponiert, ist die Arie heute ein Paradestück für alle berühmten Mezzosopranistinnen.

Parto, ma tu ben mio,
Meco ritorna in pace;
Saro qual piu ti piace;

Quel che vorrai fato.
Guardami, e tutto oblio,
E a vendicarti io volo;
A questo sguardo dolo
Da me si pensera.

Ah qual poter, oh Dei!
Donaste alla belta.

Ich gehe, aber dann, Geliebte,
lass uns Frieden schließen!
Wie du mich willst, so will ich sein
Und tun, was du nur wünschst.
Ein Blick von dir lässt alles mich vergessen,
und ich eile, dich zu rächen.
Dieser Blick allein
Bleibt mir im Gedächtnis haften.
Ich gehe, aber dann, Geliebte ….
O Götter, welche Macht
Habt ihr der Schönheit verliehen!


Das Corona-Alternativprogramm wird eröffnet mit Ludwig van Beethovens Ouvertüre zum Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43. Das schwungvolle Werk – ein schneller Sonatenhauptsatz ohne jeglichen Bezug zur folgenden Bühnenhandlung – erklang zum ersten Mal am 28. März 1801 im Wiener Hofburgtheater und eignet sich vorzüglich als Eröffnungsstück eines Konzertabends. Bei der Ouvertüre zu op. 43 präsentieren wir mit 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten, 2 Hörnern, 2 Trompeten, Pauken und Streichern die größtmögliche Besetzung unseres Alternativ-Programms.

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