Johann Sebastian Bach – Weihnachtsoratorium

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Symphonischer Chor Hamburg sorgt für Festtagsstimmung

Weihnachtsoratorium I – III, VI,
Johann Sebastian Bach
Symphonischer Chor Hamburg, Bach-Ensemble, Laeiszhalle Hamburg

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, komponiert für das Weihnachtsfest des Jahres 1734 in Leipzig, ist ein strahlendes Symbol für Weihnachten. Die vertonte Weihnachtsgeschichte in sechs Kantaten bringt große Festlichkeit, Momente der Besinnung und des Innehaltens.

Die Aufführung in der altehrwürdigen Laeiszhalle war eine von vielen Aufführungen des zeitlosen Meisterwerkes in dieser Adventszeit in Hamburgs Kirchen und Konzertsälen. Was das Publikum im Konzerthaus am Johannes-Brahms-Platz am Samstag geboten bekam, war eine ganz besondere Aufführung und in musikalischer Hinsicht absolut überzeugend. Gesungen wurden die Kantaten I-III und VI. Es gab tosenden Applaus und stehende Ovationen für alle Beteiligten.

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Ausverkauftes Haus, über 2000 Menschen im Publikum und insgesamt über 160 Mitwirkende auf der Bühne. Der 130 Sängerinnen und Sänger starke Symphonische Chor Hamburg steht in sieben Reihen auf der Bühne. Bei so vielen Mitwirkenden dauert es eine Weile, bis alle stehen. Und dann die bekannten repetitiven Paukenschläge, der scharfe Einsatz des Chores: „Jauchzet frohlocket“ – und wahrlich, da kommt Festtagsstimmung auf.

Etwas getrübt wurde der Beginn leider von einem zu spät kommenden Pärchen, das die Unverschämtheit besaß, bei vollem Parkett auf ihre Sitzplätze in der Saalmitte zu beharren. Wie ein Pflug wühlten sich die beiden durch die Reihe – absolut unnötig.

Kurze Zeit später entschied sich eine von Hustenreiz geplagte Dame – ebenfalls in der Saalmitte platziert – dazu, sich gen Ausgang zu bewegen. Dann endlich legte sich eine bemerkenswert tiefe Stille über den Saal.

Mit großer Strahlkraft, beweglicher Leichtigkeit, bemerkenswerter Textverständlichkeit und fortwährender Präsenz überzeugte der Symphonische Chor Hamburg. Bei Bach stellte der Chor mit den Eröffnungs- und Schlusschören sowie den Chorälen die gläubige Gemeinde dar. Vielleicht sang die Gemeinde im Kirchengestühl damals sogar mit, da ist man sich in der Forschung nicht ganz einig. Fest steht, dass der Chor mit einem unglaublichen Facettenreichtum jene Rolle der Gemeinde übernahm und in die musikalische Ausdrucksweise transportierte: mal jauchzend-fröhlich, mal andächtig, mal flehend, mal tröstend, mal dankbar beseelt. Ob in Unisono mit den Musikern und Solisten oder in Bach-typischem kontrapunktischen „Wildwasser-Strudel“ verflochten – dem Chor gelang an diesem Abend alles.

Auch den Musikern des Bach-Ensembles und des Trompetenensembles André Schoch gelang an diesem Abend vieles. Man spürte in allen Instrumentengruppen die große Vertrautheit und Sicherheit im Umgang mit der Musik Bachs. Die Orchestersolisten trugen mit ihren unterschiedlichen Instrumenten ungemein zu der Vielfarbigkeit und spannenden Abwechslung des Werkes bei. Da darf dann auch mal eine Passage und ein Ansatz etwas unsauber sein. Besonders gut hat dem Publikum die erste Trompete von André Schoch gefallen, die immer wieder mit spielerischer Leichtigkeit und ungemein festlichem Klang hervorstrahlte.

2016-12-12_085939Ja, diese kurzweilige Umsetzung des episodisch-wechselnden Werkes ist auch den vier Gesangssolisten zu verdanken. Diese sind von Bach mit ihren unterschiedlichen Stimmfarben in das Geschehen eingebunden worden und kontrastieren in Secco-Rezitativen – nur von Continuo-Instrumenten: also Cello, Kontrabass und Orgel begleitet –, Arien und Duetten wunderbar den Vollklang des Chors.

Juliane Sandberger meisterte sicher und routiniert die tollen Alt-Arien; über dem wolkenweichen, zarten Klangbett der Streicher fehlte ihrer Stimme jedoch ein wenig die Wärme. Der Tenor Mirko Ludwig trug als Evangelist die Handlung der Weihnachtsgeschichte vor. In den tiefen und mittleren Lagen mit wunderschönem Klang, fehlte es in den Höhen jedoch an Weite und Strahlkraft und bei den tückischen Koloraturen in der Tenor-Arie in der II. Kantate ging dann auch mal die Luft aus.

Eine durchweg tolle Leistung gelang der für die erkrankte Hanna Zumsande einspringenden jungen Sopranistin Karola Sophia Schmid und dem Bassisten Martin Berner. Schmid sang glockenhell bis in die Höhen hinein, ging aber im Duett mit Martin Berner (III. Kantate) leider stimmlich etwas unter. Der machte sich mit seinem warmen Bass breit und war problemlos bis hinauf in die hinterste Ecke des Saales zu hören.

Steuermann und Halt gebender Anker zugleich war an diesem Abend der Dirigent und 2016-12-12_085805Chorleiter Matthias Janz, der nun schon seit über 30 Jahren diesen Posten beim Symphonischen Chor Hamburg innehat. Sehr sympathisch schüttelte er beim großen Schlussapplaus fast jedem Orchestermitglied einzeln die Hand, zerpflückte seinen eigenen Blumenstrauß und reichte den Orchestersolisten 2016-12-12_085912einzelne Rosen. Er habe nicht nur eine große Leidenschaft für die Musik Bachs, sondern insbesondere für dieses Weihnachtsoratorium, sagt Janz.

Bereits mit 11 Jahren, so erzählte er klassik-begeistert, habe er das Weihnachtsoratorium zum ersten Mal selbst gesungen. Er hat das Werk rund 50 Mal mit verschiedenen Orchestern und 2016-12-12_085833Chören dirigiert.

Matthias Janz lässt das Publikum an diesem Abend spüren, dass er diese komplexe Musiksprache nicht nur versteht, sondern vollends verinnerlicht hat – eine elementare Voraussetzung für die gelungene Aufführung dieses Meisterwerkes.

Und so erklingen sie, diese wunderschönen Weihnachtsmelodien, die nun schon seit Jahrhunderten die Weihnachtszeit prägen. Vielen Zuhörerinnen und Zuhörern werden an diesem Abend Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste durch die Köpfe gegangen sein. Mit dem Weihnachtsoratorium hat uns Bach ein Kulturerbe geschenkt: es ist nicht nur wunderbare Musik, es ist Tradition. Und so freut man sich beim Verlassen des Saales schon aufs nächste Mal.

 

copyrightRicarda Ott für Klassik-begeistert.de