Händels Oratorium „Saul“ erzählt vom Aufstieg des jungen David und vom inneren Zerfall des Königs Saul – eine Mischung aus Hofdrama, Liebesgeschichte, Wahn und Tragödie. Die Musik lebt von dramatischen Chorszenen, farbenreicher Orchesterkunst und Ohrwurm-Arien, die die Zuhörer mitten in diese Welt aus Jubel, Eifersucht und Trauer hineinziehen.
Handlung in drei Akten
Zu Beginn feiern die Israeliten den Sieg über Goliath: Der junge David hat den Riesen erschlagen, das Volk jubelt, und Sauls Hof stimmt in Dankchöre ein. Jonathan, Sauls Sohn, schließt einen Bund der Freundschaft mit David; Michal, eine von Sauls Töchtern, verliebt sich in ihn, während ihre Schwester Merab ihn als „bloßen Hirten“ verachtet. Saul bietet Merab als politische Braut an, doch die Spannungen am Hof zeichnen sich bereits ab.
Als die Frauen des Volkes singen, David habe „zehntausend“ Feinde erschlagen, Saul nur „tausend“, kippt die Stimmung: Aus anfänglicher Bewunderung wächst in Saul eine zerstörerische Eifersucht. David versucht, ihn mit seinem Harfenspiel zu beruhigen, doch der König wird von Wut und Misstrauen getrieben und greift mehr als einmal zum Speer. Intrigen am Hof, wechselnde Schwüre und Rücknahmen beschreiben musikalisch eindrucksvoll Sauls inneren Absturz.
Im zweiten Akt wirkt Jonathan vermittelnd: Er ringt dem Vater einen Schwur ab, David zu verschonen, und bereitet die Verbindung Davids mit Michal vor. Äußerlich gibt Saul nach, innerlich aber schmiedet er Pläne, David in den Kampf gegen die Philister zu schicken, damit dieser „durch Feindeshand“ ums Leben komme.
Michal und David ahnen die Gefahr; in einer spannungsvollen Szene gelingt David die Flucht aus dem Palast. Händel kontrastiert Sauls rasende Ausbrüche mit zarten Liebesduetten und innigen Gebetsmomenten, sodass das Drama sowohl politisch als auch psychologisch erfahrbar wird.
Im dritten Akt, von Gott und vom Propheten Samuel verlassen, wendet sich Saul – trotz des von ihm selbst aufgestellten Verbots – an die Hexe von Endor. Die Beschwörung Samuels bringt keine Rettung, sondern das Urteil: Saul und seine Söhne werden im kommenden Kampf fallen, David wird das Reich erben. Der Bericht eines Amalekiters bestätigt später Sauls Tod und das Ende Jonathans; David lässt den Amalekiter trotz seines Gnadenstoßes an Saul hinrichten, weil er „den Gesalbten des Herrn“ getötet hat.
Die Musik
Händel gestaltet „Saul“ mit großartigen Chören, die das Volk Israels mal jubelnd, mal erschüttert darstellen und so eine fast opernhafte Wucht entfalten. Das Orchester ist ungewöhnlich reich besetzt: Neben Trompeten, Posaunen und Pauken sorgen auch farbige Klangfarben – etwa ein Carillon, eine Turmglockenspiel in Instrumentengröße – für starke Kontraste. Besonders berühmt ist der „Dead March“ (Trauermarsch) im dritten Akt, der die Totenfeier für Saul und Jonathan einleitet. Dieser Trauermarsch wurde in Großbritannien und darüber hinaus bei zahlreichen Staatsakten und Beerdigungen berühmter Persönlichkeiten gespielt, etwa bei Winston Churchill und auch bei Mitgliedern der britischen Königsfamilie, und hat sich so weit über den Konzertsaal hinaus in das kulturelle Gedächtnis eingeprägt.
Die Personen
| Person | Rolle in der Handlung | Charakter |
|---|---|---|
| Saul | König von Israel, Vorgänger Davids | Anfangs souverän, später eifersüchtig, misstrauisch, zum Wahn neigend |
| David | Junger Sieger über Goliath, künftiger König | Tapfer, erfolgreich, musikalisch begabt, großzügig im Umgang mit Saul |
| Jonathan | Sauls Sohn, Freund Davids | Loyal, innerlich zerrissen zwischen Vater und Freund, ausgleichend |
| Merab | Sauls Tochter, zunächst Davids vorgesehene Braut | Stolz, standesbewusst, später nachdenklicher und einsichtiger |
| Michal | Sauls Tochter, liebt David | Liebend, entschlossen, hilft David bei der Flucht, risikobereit |
| Hexe von Endor | Wahrsagerin, beschwört Samuels Geist | Vorsichtig, von Saul unter Druck gesetzt, Teil der „dunklen“ Schlussszene |
| Prophet Samuel | Als Geist beschworener früherer Ratgeber Sauls | Nüchtern, erinnert Saul an frühere Entscheidungen und deren Folgen |
| Abner | Heerführer Sauls | Pflichterfüllt, königstreu, Vertreter der militärischen Seite des Konflikts |
| Amalekiter | Bote vom Schlachtfeld | Opportunistisch, hofft auf Anerkennung und wird von David bestraft |


